Rund 15 Prozent ihres Nettoeinkommens legen die Europäer auf die hohe Kante. Damit ist die Sparquote etwa dreimal so hoch wie in den USA – ein Indiz dafür, dass Haushalte hierzulande grundsätzlich bereit sind, Geld zurückzulegen. Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher Unterschied bei der Art, wie dieses Geld angelegt wird. Während laut Boston Consulting Group 56 Prozent der US-Haushalte am Kapitalmarkt investieren, sind es in Europa nur 27 Prozent. Etwa 12 Billionen Euro liegen damit unverzinst oder mit minimaler Verzinsung als Bankeinlagen oder Bargeld, statt produktiv am Kapitalmarkt zu arbeiten. Vor dem Hintergrund dauerhaft niedriger Zinsen und zwischenzeitlich hoher Inflation bedeutet das: Real verliert ein großer Teil dieses Vermögens langfristig an Kaufkraft.
Historisch betrachtet haben Aktien, Aktienfonds und Anleihen über längere Zeiträume im Durchschnitt deutlich höhere Renditen erzielt als Sparbücher oder Tagesgeld. Langfristige Aktienmarktrenditen in Industrieländern werden häufig im Bereich von 6 bis 8 Prozent pro Jahr vor Inflation verortet, während sichere Bankeinlagen oft nur ein Bruchteil davon erbracht haben. Diese Differenz summiert sich über Jahrzehnte zu erheblichen Wohlstandsunterschieden. Wer über 30 oder 40 Jahre vor allem kurzfristige, kaum verzinste Anlageformen nutzt, verzichtet in der Tendenz auf die Erträge, die für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge entscheidend sein können. In alternden Gesellschaften mit angespannten Rentensystemen verstärkt diese Zurückhaltung den Druck auf öffentliche Finanzen und umlagefinanzierte Systeme.
Hinzu kommt, dass viele Europäer zwar regelmäßig sparen, aber finanzielle Bildung und Kapitalmarkterfahrung oft fehlen. Risiko wird häufig als Gefahr verstanden, nicht als notwendige Voraussetzung für Rendite. Während in den USA Aktienbesitz breiter verbreitet ist und über Pensionsfonds und 401(k)-Pläne institutionalisiert stattfindet, bleiben viele europäische Privatanleger dem Kapitalmarkt fern. Sicher geglaubte Bankeinlagen wirken vertrauter, auch wenn sie langfristig weniger Ertrag bringen. Diese Strukturen und Einstellungen prägen die Vermögensverteilung und die Fähigkeit, private Altersvorsorge aufzubauen.
Risikoscheu mit Nebenwirkungen: Folgen für Wohlstand und Rentensysteme
Die europäische Risikoaversion wirkt in zwei Richtungen negativ. Erstens könnte der private Wohlstand mit mehr Engagement in Aktien(-fonds) und Anleihen wesentlich schneller wachsen. Die historische Börsenentwicklung deutet darauf hin, dass langfristig ein Engagement in produktives Kapital zuverlässig höhere Renditen bringt als kurzfristige Sparformen. Werden breit gestreute Aktien- und Anleiheportfolios genutzt, lassen sich Kursschwankungen über lange Zeiträume statistisch abfedern. Für die Altersvorsorge bedeutet das: Wer zumindest einen Teil des Ersparten in Sachwerte und Kapitalmarktprodukte umschichtet, kann eher von Wachstums- und Produktivitätsgewinnen der Wirtschaft profitieren.
Zweitens könnte eine stärkere Kapitalmarktteilnahme helfen, der Schieflage vieler Rentensysteme entgegenzuwirken. Umlagefinanzierte Systeme stehen wegen demografischer Veränderungen – mehr ältere Menschen, weniger Erwerbstätige – unter erheblichem Druck. Ergänzende kapitalgedeckte Säulen, etwa betriebliche oder private Vorsorge, funktionieren am besten, wenn sie an die Entwicklung der Kapitalmärkte angebunden sind. Bleiben große Vermögensbeträge aber zinsarm auf Konten liegen, fehlt die Rendite, um Altersvorsorgelücken zu schließen. Internationale Vergleiche zeigen, dass Länder mit breitem Kapitalmarktsparen, etwa über Fonds und Pensionsvehikel, tendenziell höhere Rentenvermögen pro Kopf aufbauen können.