In vielen Haushalten laufen Versicherungsverträge jahrelang still im Hintergrund – bis der Blick auf die Jahresrechnung stutzig macht. Beiträge steigen regelmäßig, obwohl sich am eigenen Verhalten oder Risiko scheinbar nichts geändert hat. Genau hier setzt die Finanzaufsicht BaFin an und nimmt derzeit Schaden- und Unfallversicherer genauer unter die Lupe, wenn Prämien Jahr für Jahr anziehen. Im Fokus steht das sogenannte Price-Walking: wiederholte Beitragserhöhungen, die nicht risikobasiert sind, also weder durch mehr Schäden noch durch veränderte Lebensumstände erklärbar werden.
Typisch ist dabei folgendes Muster: Neukunden werden mit attraktiven Preisen und Rabatten gewonnen, während Bestandskunden, die ihre Verträge nicht aktiv überprüfen oder wechseln, über die Jahre schleichend mehr zahlen. Aus Sicht der Aufsicht ist das besonders kritisch, wenn der Informationsvorsprung der Versicherer gezielt genutzt wird. Versicherer kennen ihre Kunden, ihren Schadenverlauf und Wechselwahrscheinlichkeit, während viele Kundinnen und Kunden kaum Einblick in die komplexe Preisbildung haben. Studien aus anderen europäischen Märkten zeigen, dass treue Bestandskunden mitunter zweistellige Prozentaufschläge gegenüber Neukunden zahlen – bei identischem Risiko.
Wer besonders betroffen ist – und warum die BaFin einschreitet
Die BaFin bezeichnet Price-Walking als eine besonders problematische Form der Preisdifferenzierung. Betroffen sind vor allem Gruppen, die eher selten aktiv den Anbieter wechseln: etwa ältere Menschen, wenig digitalaffine Versicherte oder Personen, die Vergleichsportale nicht nutzen. In der Praxis kann das bedeuten, dass zwei Nachbarn mit identischem Auto, gleicher Fahrleistung und ähnlichem Schadenverlauf deutlich unterschiedliche Kfz-Prämien zahlen – nur weil einer seit Jahren beim gleichen Anbieter bleibt. Ähnliche Effekte sind in Sparten wie Hausrat- oder Privathaftpflichtversicherung möglich.
Wichtig ist der BaFin zugleich, klarzustellen, was sie nicht will: Es geht ausdrücklich nicht um eine generelle staatliche Preiskontrolle. Risikobasierte und transparente Preisunterschiede sollen weiterhin möglich sein. Wenn jemand nachweislich mehr Schäden verursacht oder ein höheres Risiko mitbringt, darf das auch mehr kosten. Problematisch wird es dort, wo Preisunterschiede nicht mehr mit Risiko oder Kosten zu erklären sind, sondern ausschließlich darauf beruhen, wie „wechselträg“ ein Kunde ist. Auch auf europäischer Ebene wird dieses Thema inzwischen intensiver diskutiert, weil datengetriebene Tarifierung und Algorithmen solche Muster verstärken können.
Was Verbraucher aus der Debatte lernen können
Für Versicherte hat die aktuelle Entwicklung eine zentrale Botschaft: Verträge sollten nicht unbegrenzt „durchlaufen“, ohne regelmäßig hinterfragt zu werden. Besonders bei Kfz-, Hausrat- und Haftpflichtversicherungen lohnt es sich, Beitragsanpassungen nicht einfach hinzunehmen, sondern auf Plausibilität zu prüfen. Steigt der Beitrag deutlich, obwohl weder Schäden gemeldet wurden noch sich der persönliche Lebensstil oder der Versicherungsschutz verändert hat, ist das ein Anlass nachzufragen. Oft lassen sich Tarife anpassen oder es zeigen sich Alternativen bei anderen Anbietern.
Praktisch bedeutet das: Einmal jährlich – beispielsweise zum Ablauftermin der Kfz-Versicherung – sollten die aktuellen Prämien mit Vorjahren und mit marktüblichen Angeboten verglichen werden. Auch ein Blick in die Police hilft: Wurden Deckungsumfang oder Selbstbeteiligung geändert, oder ist die Erhöhung nur mit allgemeinen Kostensteigerungen begründet? Die BaFin macht mit ihrer verstärkten Aufsicht deutlich, dass Kunden ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis zusteht. Den zweiten Schritt müssen jedoch die Versicherten selbst gehen: aufmerksam bleiben, Fragen stellen und bereit sein, bei Bedarf den Anbieter zu wechseln.