In Social Media und auf finanzbezogenen Onlineforen werben sogenannte Rückabwickler von Lebens- und Rentenversicherungen mit vollmundigen Versprechen für ihre Dienste. „Bis zu 200 Prozent mehr aus ihrem Vertrag rausholen!“, heißt es da etwa. Dafür müssten die Kunden lediglich die Ansprüche aus „schlechten“ Verträgen auf ein Drittunternehmen übertragen. Auch nach Abzug der Gewinnmarge für den Rückabwickler soll dann für den Versicherungsnehmer noch weit mehr als bei einer regulären Kündigung übrigbleiben.
Die Masche knüpft an ein reales Problem an: Viele klassische Lebens- und Rentenversicherungen bringen heute nur niedrige Renditen. Der garantierte Höchstrechnungszins für Neuverträge lag lange bei 0,25 Prozent und wurde erst seit 2025 wieder auf 1 Prozent angehoben, während die laufende Verzinsung im Markt zuletzt um 2,2 bis 2,5 Prozent schwankte. Parallel dazu sind Zinsen für sichere Alternativen wie Festgeld zeitweise auf rund 3 Prozent gestiegen. Auf diesem Spannungsfeld setzen Rückabwickler an und suggerieren, sie könnten schlechte Konditionen einfach „wegzaubern“.
Hinzu kommt, dass viele Versicherte ihre Verträge nicht mehr überblicken: lange Laufzeiten, komplexe Kostenstrukturen und unklare Überschussbeteiligungen. Wer nach Jahren die Prognosen mit der tatsächlichen Entwicklung vergleicht, erlebt oft eine Enttäuschung. In dieser Gemengelage wirken Versprechen von „200 Prozent mehr“ emotional attraktiv, zumal sie suggerieren, dass vermeintliche Fehler der Vergangenheit ohne Risiko korrigiert werden könnten.
Die Realität: Weniger als der normale Rückkaufswert
In der Realität geht die Rechnung der Rückabwickler selten auf, wie die Verbraucherzentrale Hamburg aktuell warnt. In vielen Fällen erhielten die Kunden kaum mehr drei Viertel des Rückkaufswertes, der ihnen nach einer normalen Kündigung zusteht. Hinzu kämen häufig noch Abzüge für Anwalts- oder Gutachtenkosten. Damit bleibt für die Versicherten am Ende häufig deutlich weniger übrig als bei einer direkten Kündigung oder Beitragsfreistellung.
Ein Grund: Rückabwickler kalkulieren ihre Angebote so, dass sie selbst eine attraktive Marge erzielen, etwa durch einen Abschlag auf den Rückkaufswert und die Vereinnahmung eventueller Prozessgewinne. Ob überhaupt ein rechtlicher Hebel existiert – etwa wegen fehlerhafter Widerrufsbelehrungen bei Altverträgen – wird häufig erst im Nachhinein klar. „Unser Eindruck ist, dass die Anbieter jeden Vertrag für geeignet erklären und die Versprechungen überwiegend heiße Luft sind. In vielen Fällen sehen wir sogar gute Ansätze für eine Anwaltshaftung“, berichtet Sandra Klug von der Verbraucherzentrale Hamburg.
Hinzu kommt das Prozessrisiko: Zieht sich ein Verfahren gegen den Versicherer über Jahre hin, bleibt das gebundene Kapital für die Kunden oft unklar planbar. Gleichzeitig steigen die Kosten – nicht nur durch externe Anwälte, sondern auch durch interne Gebührenmodelle der Rückabwickler. Für Verbraucher, die sich eine einfache Lösung erhofft hatten, wird die vermeintliche Abkürzung so schnell zum finanziellen Bumerang.
Unzufrieden mit der Rendite? Optionen nüchtern prüfen
Wer mit der Rendite seiner Lebens- oder Rentenversicherung unzufrieden ist, sollte professionellen, unabhängigen Rat suchen – nur dann lassen sich alle offenstehenden Optionen objektiv gegeneinander abwägen. Je nach Situation kommen etwa Beitragsfreistellung, Vertragsfortführung mit reduziertem Beitrag, eine reguläre Kündigung oder eine gezielte Umstrukturierung der Altersvorsorge in Frage. Dabei spielen Faktoren wie Laufzeit, garantierte Leistungen, bisherige Kostenbelastung und persönliche Lebensplanung eine zentrale Rolle.
Ein nüchterner Blick ist auch deshalb wichtig, weil die gesetzliche Rentenversicherung trotz aller Kritik langfristig Renditen von rund 3,3 bis über 4 Prozent erwarten lässt – je nach Jahrgang und Geschlecht. Private Verträge sollten vor diesem Hintergrund realistisch eingeordnet werden: Sie bieten Flexibilität und in manchen Fällen zusätzliche Absicherung, sind aber nicht immer die renditestärkste Lösung. Auch direkte Geldanlagen wie breit gestreute Aktienfonds oder ETF-Sparpläne können, insbesondere bei langen Laufzeiten, eine Alternative sein.
Entscheidend ist, dass Verbraucher ihre Verträge verstehen und nicht aus Frust über enttäuschte Erwartungen vorschnell handeln. Rückabwicklungsangebote mit spektakulären Renditeversprechen sind selten ein seriöser Ausweg. Wer stattdessen auf transparente Informationen, unabhängige Beratung und realistische Szenarien setzt, hat die besseren Chancen, die eigene Altersvorsorge solide und tragfähig aufzustellen.